Marburg-Biedenkopf ist Landkreis der Toleranz und Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen

In der Sitzung des Kreistags wurde der im Folgenden zitierte Antrag der Grünen verabschiedet.

Der Kreistag möge beschließen:

  1. Der Kreistag stellt fest, dass sich die Menschen im Landkreis Marburg-Biedenkopf wünschen, friedlich und gewaltfrei auf dem Boden der durch das Grundgesetz verankerten freiheitlichen Verfassungsgrundsätze zusammenzuleben.
  2. Der Kreistag stellt fest, dass die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit und die Freiheit der Religionsausübung unverzichtbare Elemente unserer toleranten und weltoffenen Region sind.
  3. Der Kreistag bekräftigt die vielfältigen Bekenntnisse und unterstützt die zahlreichen Aktivitäten, mit denen Menschen, die auf der Flucht sind, willkommen geheißen und in unserer Region aufgenommen werden.
  4. Der Kreistag stellt fest, dass in unserem Landkreis Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus und atheistische Weltanschauungen genauso wie viele andere Religionen und Weltsichten vertreten sind und diese Religionen und Anschauungen und auch die Vielfalt der religiösen Bekenntnisse ein Teil der Identität unseres Landkreises sind.

Hier der Wortlaut und die eindrucksvolle Rede Nadine Bernshausens zur Begründung des Antrages.

Begründung:

Gerade in Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf mit geschichtsträchtiger Vergangenheit religiöser Auseinandersetzungen verfolgen wir gesellschaftliche Debatten und Konflikte um religiöse Bekenntnisse mit großer Aufmerksamkeit. Das friedliche Zusammenleben kann nach unserer festen Überzeugung nur gesichert werden, wenn alle religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisse im Rahmen der durch unsere Verfassung vorgegebenen Ordnung toleriert und respektiert werden. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit bedarf anlässlich der jüngsten Konflikte einer – auch kommunalen – Bestätigung und Bekräftigung.

Der Hessische Städte- und Gemeindebund hat folgendes erklärt:

Durch Anschläge wie auf das Magazin “Charlie Hebdo” sollen Meinungsfreiheit und Toleranz vernichtet werden. In allen Städten und Gemeinden herrscht Betroffenheit über die Vorgänge der letzten Tage. Aber die lokale Demokratie ist wehrhaft. Bei aller ethnischer, religiöser oder kultureller Verschiedenheit verbindet uns das Bekenntnis zu Verfassung, Rechtsstaat und Menschlichkeit.Das ist das Fundament unserer Gesellschaft vor Ort, in der wir alle friedlich miteinander leben können und wollen. Dafür stehen wir kompromisslos in unserem Gemeinwesen ein.Die Reaktionen auf eine solche Tat wie in Paris sind vor allem eines: menschlich. Doch Emotionen dürfen nicht zu Ausgrenzungen und Vorverurteilungen führen. Aufklärung und Information der Bürgerinnen und Bürger sind wichtiger denn je, damit die Anschläge nicht zum Anlass unreflektierter Propaganda werden.Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass in unserer Gemeinde/in unserer Stadt das hohe Gut der Meinungsfreiheit gewahrt und dass das friedliche Miteinander von Menschen gleich welcher ethnischer, kultureller oder religiöser Prägung in unserer Kommune geschützt wird.Wir sagen JA zur Freiheit des Wortes und der Meinung. Wir sagen JA zu unserer gesellschaftlichen Vielfalt. Wir sagen NEIN zur Gewalt. Wir sagen NEIN zur gesellschaftlichen Ausgrenzung

 

Die Rede von Nadine Bernshausen dazu:

Herr Kreistagsvorsitzender, meine Damen und Herren,

jüngste Entwicklungen und Diskussionen haben uns veranlasst, diesen Antrag, der gesamtgesellschaftliche Fragen berührt und gleichermaßen Fragen des kommunalen Zusammenlebens thematisiert, in den Kreistag einzubringen.

In dem Antrag werden, so mag es für manchen zunächst erscheinen, Selbstverständlichkeiten des Zusammenlebens in unserem Landkreis festgestellt und bekräftigt. Aber angesichts der Ereignisse von Paris, der Demonstrationen in vielen deutschen Städten und vereinzelt geäußerter Thesen, bedürfen diese wichtigen und grundlegenden 4 Sätze, die in dem Antrag niedergelegt sind, der Bestätigung durch uns gewählte Vertreter der Landkreisbevölkerung. Nicht zuletzt, um zu verdeutlichen, dass wir uns von dem, was an vielerlei Orten unserer Republik wieder hörbar wird, abgrenzen. Umso mehr freut mich die Tatsache, dass die Vertreterinnen und Vertreter im Haupt- und Finanzausschuss die einstimmige Empfehlung an den Kreistag abgegeben haben, diesem Antrag zuzustimmen.

Deutschnationale Thesen, die in der Parteienlandschaft in der AfD einen Rückhalt zu finden scheinen, sind auch unüberhörbarer Bestandteil der sogenannten Pegida-Bewegung. Schnell mischen sich solche das „Deutsche“ stilisierende Thesen mit ausländerkritischen, zuwanderungsfeindlichen oder auch religionskritischen Stimmen. Dabei bezieht sich diese Religionskritik aber nicht etwa auf alle religiösen Bekenntnisse – was angesichts unheilvoller Entwicklungen und schrecklicher, unter dem Vorwand der Religion betriebener Barbarei, vielleicht verständlich wäre.  Nein – entgegen dem Kernbestand unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung, werden nicht-christliche Religionen zum Teil in Frage gestellt oder es wird eine Religionsordnung verschiedener Klassen propagiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist solchen Deutungen kraftvoll entgegengetreten. Natürlich, möchte man betonen, gehören die in Deutschland von den Menschen geglaubten und gelebten Religionen zu diesen Menschen – und da diese Menschen auch Deutschland ausmachen, gehören auch ihre religiösen Ansichten zu dem, was Deutschland und Mitteleuropa heute ausmacht. Frau Merkel mag dies als gelernte Physikerin nüchterner und sachlicher betrachten, als viele andere. Bei der Zustandsbeschreibung dessen, was unsere Gesellschaft heute ausmacht, ist ihre Beschreibung aber sicherlich richtiger und zutreffender als die Religionsklassifizierung, die von anderen vorgenommen wird.

Bei der Frage, was unseren Landkreis ausmacht und was dazu gehört und was nicht, ist gerade, wenn man sich auf historische oder kulturelle Identitäten beziehen will, Vorsicht geboten. Gerade, wenn man berücksichtigt, dass unser Landkreis, mit seinen 40 Jahren und Deutschland, welches es in dieser Form erst seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bzw. seit der Wiedervereinigung gibt, noch vergleichsweise jung an Jahren sind. Und wenn man berücksichtigt, dass die Menschen anderer Religionen oder Kulturen zum Teil schon seit Jahrhunderten auf diesem Boden leben, oder spätestens seit die Gastarbeiter in den 50er Jahren nach Deutschland geholt wurden und zu diesem Deutschland wie wir es heute kennen, von Anfang an dazugehören.

Es verwundert auch nicht, dass diese Religionsklassifizierung nach dem Muster: Christentum gehört zu Deutschland, Islam, Buddhismus, etc. gehören nicht zu Deutschland – stark von Personen ins Feld geführt wird, die selbst gar nicht religiös sind. Dies erhellt, dass es gar nicht um Religion oder religiöse Bekenntnisse geht, sondern dass für den christlich glaubenden Menschen in Deutschland ein anderer Rang eingeordnet wird, als für den muslimisch glaubenden Menschen.

Aber meine Damen und Herren, unser Grundgesetz kennt keine Klassen von Religionen, unser Grundgesetz gebietet, volle Religionsfreiheit im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung zu gewähren.

Als Mitglied der evangelischen Kirche und als ehrenamtliche Funktionsträgerin der evangelischen Kirche muss ich mich und meinen Glauben auch entschieden dagegen verwahren, für einen Staat oder eine politische Bewegung, die fragwürdige Ziele verfolgt, vereinnahmt zu werden.

Meine Damen und Herren, unsere Verfassung ist kein Bollwerk des christlichen oder sonstigen Glaubens. Ich persönlich bin gläubig und überzeugt davon, dass sich die christliche Botschaft an alle Menschen richtet.

Unser Grundgesetz ist aber ein Bollwerk der Religionsfreiheit. Wer Religionen erster und zweiter Klasse ausruft, ist keiner, der Menschen zusammenführt und den Dialog der Religionen und Bekenntnisse fördert. Wer Religionen erster und zweiter Klasse propagiert steht nicht für eine Gesellschaft der Warmherzigkeit und Offenheit.

Weitsichtiger als so mancher in heutigen Debatten zeigte sich Friedrich der Große vor über 200 Jahren, als er den Satz prägte: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie bekennen, ehrliche Leute sind, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.“[1]

 

Meine Damen und Herren, in den letzten Jahrhunderten haben Tausende von Menschen aus religiösen Gründen Zuflucht in Deutschland gesucht – Hugenotten,  Orthodoxe,  Protestanten und Katholiken. Und in den letzten Jahrhunderten haben Tausende und Millionen Deutsche aus religiösen Gründen Zuflucht in anderen Ländern gesucht – die USA sind gar ein Zufluchtsort der religiös Andersgläubigen schlechthin geworden. Nicht zuletzt aus diesen Immigrations- und Migrationserfahrungen wissen wir die Glaubensfreiheit zu schätzen, die schon Friedrich der Große (1712-1786), den ich an dieser Stelle noch einmal zitieren möchte, auf den Punkt brachte: „Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!“[2]

Um nichts weniger geht es: Jede und jeder der hier lebt, soll das Recht haben, glücklich zu werden. Mit seiner Religion, mit seiner Kultur und allem, was dazu gehört. Und er und sie gehören zu diesem Landkreis, zu Deutschland und zu Europa – mit allen Rechten und Pflichten und allem, was dazu gehört.

Vielen Dank!

 

[1] „alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ – Rand-Verfügung des Königs zum Immediat-Bericht des General-Directoriums. Berlin 1740 Juni 15: Ein Katholik sucht in Frankfurt das Bürgerrecht nach – In: Max Lehmann: Preussen und die katholische Kirche seit 1640. Nach den Acten des Geheimen Staatsarchives. 2. Theil. 1740-1747. Leipzig: Hirzel, 1881. S. 3* Internet Archive – [Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sie bekennen, ehrliche Leute sind, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.] (zitiert nach Wikipedia)

[2] „Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!“ – Rand-Verfügung des Königs zum Immediat-Bericht des Geistlichen Departements. Berlin 1740 Mai 22: Katholische Schulen und Proselytenmacherei – In: Max Lehmann: Preussen und die katholische Kirche seit 1640. Nach den Acten des Geheimen Staatsarchives. 2. Theil. 1740-1747. Leipzig: Hirzel, 1881. S. 4* Internet Archive (zitiert nach Wikipedia)

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