Pro Asyl

Deutsche Migranten im Ausland, ausländische Migranten in Deutschland

Schon seit langem frage ich mich, wie die Verfechter einer migrationsfreien Welt, also von Nationen mit homogenen Völkern – was immer das sein mag – dies im Falle von Deutschland erreichen wollen. Sollen die Millionen Deutsche im Ausland zurückgeholt werden? Und sollen sie von ihren nichtdeutschen Angehörigen getrennt werden? Gilt dies auch für alle, die hier in den letzten bspw. hundert Jahren eingewandert sind?

Deutschstämmig sind zig Millionen im Ausland. So verstehen sich laut Zensus fast 50 Millionen US-Amerikaner als Nachfahren eingewanderten Deutschen. Doch es gab im 19. bis ins 20, Jhdt. politische (gescheiterte Revolution) und Wirtschaftflüchtlinge (Missernten) nicht nur in den USA. Auch nach Kanada, Mexiko, Südamerika und Australien wanderten viele Deutsche aus. Auch unserer Familie hat u.a. einen großen Zweig in Mexiko.

Und wie soll die nationale Grenze gezogen werden, die das Deutschsein definiert? Erst mit Gründung des Deutschen Reiches 1871 kann im engeren Sinne von einer deutschen Nation gesprochen werden. Doch auch diese Abgrenzung, schließt bestimmte Volksgruppen ein und andere aus.

Nach dem aktuellen Mikrozensus hatten von den 19,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, davon die Hälfte einen deutschen Pass. Rund 2,8 Millionen (14 Prozent) haben türkische, 2,1 Millionen (11 Prozent) polnische, 1,4 Millionen (7 Prozent) russische, 1,2 Millionen (6 Prozent) kasachische und 0,9 Millionen (4 Prozent) rumänische Wurzeln. Die Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zusammengenommen, aus denen vor allem Spätaussiedler mit einem Anteil deutscher Wurzeln kamen, stellen diese die zweitgrößte Gruppe. Rund 90% sprechen zu Hause deutsch.

Doch wie weit zurückgehen? Die Siedlung von Deutschen in Osteuropa reicht weit bis ins Mittelalter zurück. So haben bspw. Deutschböhmen und -mähren über 600 Jahre mit Tschechen zusammengelebt und eine blühende Kultur und Wissenschaft geschaffen. Sie gehörten lange Zeit bis 1918 zu Österreich-Ungarn, dann von 1918–1938 zur ersten Republik der Tschechoslowakei. Danach gehörten sie je nach dem zum Reichsgau Sudetenland oder zum Protektorat Böhmen und Mähren. Etwa 3 Millionen dieser in Österreich-Ungarn oder der tschechischen Republik geborenen und über die 600 Jahre Siedlungsgeschichte selten „volksreinen“ flüchteten oder wurden nach Deutschland oder Österreich vertrieben. Zehntausende leben weiter in Böhmen und Mähren.

So lässt sich dies für viele alte Siedlungsgebiete feststellen. Und genauso für die Mehrzahl der Familiengeschichten, denn in fast jeder Familie finden sich Migranten aus alten Siedlungsgebieten in Osteuropa, Nachkommen polnischer Arbeiter in der Kohle- und Stahlindustrie u.ä. wie auch Migranten in Nord- und Südamerika. 

Es gab nie eine migrationsfreien Welt und es wird auch keine geben. Deren Vorstellung ist völlig realitätsfremd. Migration sorgt für kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.

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